Stieglitze!

Zum ersten Mal sah ich sie vom Balkon im 2. Stock, und trotz meiner Kurzsichtigkeit wusste ich: die roten Gesichter, die gelbe Zeichnung auf den Flügeln – das müssen Sieglitze sein! Später kam ich ihnen näher, als sie erst im Vorgarten, später auch im Innenhof die Samen aus dem Karden pickten. Auf bis zu zwei Meter hohen Stängeln schaukeln die Fruchtstände dieser distelähnlichen Wildpflanzen (Dipsacus fullonum), doch die Vögelchen balancieren so geschickt darauf, wie es ihr zweiter Name „Distelfink“ erwarten lässt.

Ja, ja, die Gärtner aus der Vorstadt oder vom platten Land werden jetzt eine Augenbraue hochziehen und mir vom letzten Besuch des Halsbandschnäppers berichten, aber, hey – mein Garten liegt mitten in der Großstadt, umgeben von 20 Meter hohen Häusern. Hier ist die Artenvielfalt der Ministerialen um ein Vielfaches höher als die der Vogelwelt. Und übrigens wird auch der Stieglitz einer neuen Studie des Bundesamts für Naturschutz zufolge immer seltener.

Jedenfalls habe ich mir fest vorgenommen, im nächsten Jahr wieder Karden wachsen zu lassen. Im Sommer war ich mir da nicht so sicher: Zwar gefielen mir die zartvioletten Distelblüten gut, doch mit ihren riesigen, unförmigen, obendrein stacheligen Blättern stauchten sie ihre Nachbarn rüde zusammen; in meinem fruchtbaren Boden erreichten die Gewächse geradezu strauchartige Dimensionen. Außerdem waren sie verlaust, was ihre Lebenskraft überhaupt nicht schmälerte. Dann welkten sie auch noch relativ früh, als ich noch gar nicht auf herbstliche Stimmung erpicht war.

Wenn aber die Blätter vertrocknet und die Pflanzen auf ihr Skelett reduziert sind, zeigen die zweijährigen Karden erst richtig, was in ihnen steckt. Monatelang dominieren die bizarren Fruchtstände den Garten, selbst jetzt, Ende November lassen sie sich keinerlei Verschleißerscheinungen anmerken.

Meine Pflanzen habe ich übrigens aus Samen herangezogen, die ich aus einer Rabatte auf dem BUGA-Gelände in Potsdam stiebitzt hatte. Jetzt droht die Strafe: Ich muss gestehen, ich fürchte mich vor den Hundertschaften junger Karden, die ich im nächsten Frühjahr vermutlich ausrupfen muss. Hoffentlich helfen mir die Stieglitze, das Schlimmste zu verhüten.

3 Antworten zu “Stieglitze!”

  1. Kirsten sagt:

    Ach, auf die Artenvielfalt der Ministerialbeamten würde ich ja nicht viel geben. Die tragen doch alle dasselbe Federkleid. Da lob´ich mir deine Finken. Wir haben Dompfaffen und leider - seit wir einen Teich haben - auch Fischreiher.

  2. Zentralgärtnerin sagt:

    Ich vermute mal, Ihr habt Fische im Teich? Oder schon nicht mehr?

  3. Zentralgarten» Blogarchiv » Exotik von der Insel sagt:

    [...] Gewächsen zu mischen. Da gibt es genug Arten, die prima ins Bild passen: Den Vögeln könnte man Karden, Sonnenblumen und einen Ebereschenbaum mit knallorange Beeren servieren, für Falter und Hummeln [...]

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