Zu den Waffen!
Eigentlich dachte ich ja, unsere Nachbarschaft bestünde ausschließlich aus freiberufelnden Yuppies (spießig) und jungen Familien (auch spießig). Aber ich habe mich getäuscht: Auch hinter Natursteinfassaden haust mitunter ein revolutionärer Geist. Und manch ehrbare Mutter, die nachmittags ihre Kinder zum Chorsingen chauffiert, greift bei Einbruch der Dämmerung zur Waffe, um die Welt zu verbessern. Nein, keine AK-47. Sondern Schaufel und Gießkanne.
Wenn es irgendeinen Zweifel geben kann, dass Guerilla Gardening allmählich zum Breitensport wird, so dürfte das Beispiel A. ihn ausräumen. A., katholisch, Mutter dreier reizender Töchter, eröffnete mir neulich, sie habe gemeinsam mit der Mutter von Nachbarin M. ein paar hundert Blumenzwiebeln im Grünstreifen vor ihrer Häuserreihe vergraben. Hunderte Blumen-zwiebeln! Das hat mir imponiert.
Dieser Grünstreifen hat Aufhübschung wahrhaft nötig, wirkt er doch mangels ausgewachsener Bäume noch deprimierender als unser Park. Es gibt dort nur Rasen, ein paar hoffnungsvolle, doch schüttere Jungbäume und eine bunt gemusterte Betonfläche, bei der es sich wohl um eine Art Land Art handeln soll. Mich erinnert das Design stark an den Küchenfußboden meiner Großeltern.
Schon im vergangenen Sommer blühte auf einer der Baumscheiben dort eine einsame, dafür umso auffällige Sonnenblume – welch ein Fanal zwischen Auswärtigem Amt und all den Baustellen! Es war allerdings die einzige von A.’s Guerillataten, die in dieser extrem trockenen Saison gefruchtet hatte – wobei wir auch schon beim Problem wären. Denn für die meisten Guerilla-Gärtner sind ihre “Digs” eher politische-künstlerische Aktionen; die gärtnerische Seite interessiert sie weniger. Aber fünf knallrote Begonien in Reih und Glied auf einer Verkehrsinsel stechen zwar ins Auge, bieten aber nicht wirklich einen ästhetisch befriedigenden Anblick. Und ohne regelmäßiges Gießen sind sie nach zwei Wochen dahin.
Also, Companeros: Greift zum Spaten! Aber überlegt Euch, 1) welche Pflanzen praktisch ohne Pflege eine Überlebenschance haben, und 2) denkt auch an nicht-menschliche Nutznießer wie Falter und Hummeln. Im Zweifelsfall bringt es mehr, Samen einheimischer Wildpflanzen in den (selbstredend umgegrabenen und aufgebesserten) Boden zu säen, als mal eben ein paar hochgepäppelte Sommerblumen aus dem Gartencenter zu verbuddeln.
Als anregende Lektüre für Nachwuchskämpfer empfehle ich das Buch On Guerrilla Gardening von Richard Reynolds, eine höchst amüsante Mischung aus britischem Humor, verschrobener Anarchie und gärtnerischem Know-how. Richard, wohl der führende Guerilla-Gärtner der britischen Inseln, erfuhr übrigens soeben höchste hortikulturelle Weihen: Die Zeitschrift “Gardens Illustrated” der BBC widmete ihm in ihrer Januar-Ausgabe ein Porträt. Auf seiner Homepage können sich übrigens Guerilla-Gärtner aus aller Welt über ihre Pläne, Projekte und Erfolge austauschen.
03. Februar 2009 um 15:57
das find ich doch mal wieder sehr lustig.
grade vorgestern bin ich auf ein projekt in berlin gestoßen - http://www.gruentmit.de/ - wo es genau darum geht … guerilla gardening. und zwar mit wildgräsersamenpäckchen (wat ein langes wort *ggg*)
bin ehrlich gesagt auch ein bisschen angefixt…