Von Christrosen und Osterhasen

Jetzt, endlich, tut sich was: Die Krokusse und Schneeglöckchen sind verblüht, dafür haben sich an diesem Wochenende die Osterglocken geöffnet. Die hellgelbe Sorte “Jenny” passt wunderbar zu den Blausternchen (Scilla siberica), die ich letzten Herbst an allen freien Flecken im Staudenbeet versenkt habe. Auch die Veilchen stehen in voller Blüte.

Den ganz große Auftritt haben derzeit aber die Christrosen. Gedauert hat es ja, stand die Hybride “Bollene” letztes Jahr doch schon Mitte Januar in Blüte. Diesen Winter zeigte sie vor Weihnachten zwar schon jede Menge Knospen, stellte sich dann aber zwei Monate lang scheintot. Das Warten hat sich gelohnt: Ihre Blütenfülle wirkt fast schon obszön, so dass ich sogar Triebe für die Vase geschnitten habe. Die allerdings halten sich nur, wenn man den Stängel längs aufschlitzt und möglichst oft frisch nachschneidet. 

Christrosen gehören zu meinen Lieblingsblumen, nicht nur wegen ihrer mehr oder weniger winterlichen Blütezeit, sondern auch, weil sie wie ich zum Understatement neigen. Keine grellen Farben, keine aufgeplusterten Blüten,  wenn man mal von ein paar verunglückten gefüllten Neuzüchtungen absieht. Statt dessen zeitlose, gedeckte Töne von weiß über grün und altrosa bis zu einer so tiefen Pflaumenfarbe, dass sie fast schwarz wirkt. Und so elegant komponierte, grafische Blüten, wie ich sie von kaum einer anderen Pflanze kenne. Manche sind innen getüpfelt oder andersfarbig überhaucht, andere schmücken sich mit einem Ring winziger Volants, so Helleborus “Green Corsican”, die ich letztes Jahr als etwas kümmerliches Schnäppchen auf dem Berliner Staudenmarkt ergattert habe.

Wie all ihre Artgenossinnen hat sie sich jedoch gut eingelebt und zugelegt. Sogar die als heikel geltende Wildform Helleborus niger gedeiht bei mir erfreulich und blüht gerade direkt vor unserem Esszimmerfenster auf. Sie hat die strahlendsten, weißesten Blüten von allen und stand angeblich Pate für das Weihnachtslied “Es ist ein Ros’ entsprungen. Na ja, dieses Jahr wird sie sich mit dem Osterhasen anfreunden müssen.

Christrosen lieben ja Kalk, den unser Boden dank Bauschuttt und Betonfundamenten reichlich enthält. Und sie verkraften bei mir erstaunlich viel Sonne und lehrbuchwidrig sogar zeitweilige Trockenheit. Damit sind eigentlich die idealen Pflanzen für einen kleinen innerstädtischen Garten wie meinen: robust, schattenverträglich im Winterhalbjahr, sonnentolerant im Sommer und mit ihrem wintergrünen Laub ganzjährig schön anzuschauen.

Nur einen Nachteil haben sie alle: Obwohl sie sich in meinem Garten so wohl fühlen, weigern sie sich, mir ins Gesicht zu sehen. Ganz gleich, wo sie stehen: Ihre Blüten schauen garantiert immer in die falsche Richtung oder starren verschämt zu Boden. Man mus sich hinknien, um diese subtilen Schönheiten zu würdigen.

Eine Antwort zu “Von Christrosen und Osterhasen”

  1. Schröer,Theodora sagt:

    Guten Tag,
    ich hatte bis zum heutigen Tag gewisse Zweifel ob sich dieses wunderbare Gewächs in meinem Garten um eine Christrose handelt. Ja, sie ist sehr schön, aber ich muß ihre blüten nach oben drehen um ihre Schönheit zu sehen. Mit meiner Digitalkamera habe ich den Blütenkelch festgehalten.
    Einen schönen Gruß

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