Gute Ratten, böse Ratten (Teil 3)

Wie es sich für eine ordentliche Seifenoper gehört, gibt der Unheilstifter keine Ruhe. Pünktlich wie die Schwalben im Frühling flatterte uns kurz vor Ostern wieder ein Schreiben des Gesundheitsamts in Haus: Man habe erneut “diverse Anzeigen” über den angebliche Rattenbefall unseres Kompost-haufens erhalten und wolle einen weiteren Vororttermin durchführen, den dritten somit. 

Während ich die letzten beiden Begehungen als absurdes Theater durchaus genossen habe, erwischte mich der Schrieb diesmal in gereizter Stimmung; die pflichtbewussten Beamten boten sich als Blitzableiter geradezu an. So musste Herr Dr. G., Leiter der Abteilung Hygiene- und Umweltmedizin, der beim letzten Mal ja höchstpersönlich meinen Garten beehrt hatte, ein ungehaltenes Telefonat über sich ergehen lassen. Er versicherte mir, “eigentlich keinen neuen Sachstand” zu erwarten, sprich: keine Ratte im Kompost. Woraufhin ich empörte Briefe an sämtliche Zuständige schrieb und fragte, warum und wie oft noch man mich unter diesen Umständen mit Ortsbegehungen belästigen müsse. Auf die Antwort warte ich noch.

Nun trafen wir uns gestern mit dem netten Teil der Nachbarschaft zum Weißwurstessen, und bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, wie die “diversen Anzeigen” wohl zustande gekommen waren: Unser rühriger Nachbar Herr H. hat offenbar weite Teile der näheren und ferneren Nachbarschaft angeschrieben und auf das ungeheuerliche Problem der Kompost-Ratten aufmerksam gemacht. Garniert war der Brief mit dem Foto einer Strecke erlegter Kreaturen, die Herr H. in seinem gepflasterten Hof ausgelegt hatte. (Ob es sich tatsächlich um Ratten handelte, wurde von den Adressaten kontrovers diskutiert; eine Nachbarin meinte, die abgelichteten Untiere seien “klein wie Feldmäuse” gewesen.)

Chapeau, Monsieur H.! Wir verneigen uns nicht nur vor Ihrer Hartnäckigkeit und Energie (oder hat man als Immobilienentwickler in der Wirtschaftskrise einfach zu viel Zeit?), sondern auch vor Ihrem Einfallsreichtum. Wie schade, dass wir unseren Kompost mittlerweile in einen Thermokomposter mit Boden und Deckel umgefüllt haben – nicht wegen irgendwelcher virtueller Ratten, sondern weil sich aus einem solchen Behälter der Kompost besser unten entnehmen lässt. Hoffe ich jedenfalls.

Nicht nur, dass ich zugeben muss, Herrn H. nicht den eingebildeten Triumph zu gönnen, er habe diese Veränderung bewirkt. Sondern womöglich verpassen wir nun weitere kreative Einfälle unseres Rattenfängers. Dabei könnte ich aus meiner Greenpeace-Vergangenheit doch ein paar Ideen beisteuern. Wie wäre es zum Beispiel mit einem haushohen Transparent mit der Aufschrift “Nein zur Ratte auf dem Friedrichswerder”? Oder sollte man ein Volksbegehren “Kontra Kompost” initiieren? Herr H., bleiben Sie dran! Sie wissen ja: Jeder gute Horrorfilm hat eine Fortsetzung.

Eine Antwort zu “Gute Ratten, böse Ratten (Teil 3)”

  1. Carrera sagt:

    Zentralgärtnerin, der Vorschlag mit dem Volksbegehren ist ausgezeichnet. Aber man sollte es positiv formulieren. Ginge ein Slogan mit “Freiheit”? Ausgediente Parolen liegen gerade in Berlin ja genug rum, vielleicht könnte man ein paar vor denen recyclen (das kann Ihnen als ehemalige Greenpeacerin ja nicht missfallen). Etwa: Nagerfrei ist meine Ethik. Vielleicht sollten wir mal zusammen brainstormen - gerne auch bei einem Weissbier.

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