Sind wir reif für die Steppe?

Diese Frage stellte die Wiener Landschaftsökologin Sabine Plenk auf der Tagung “Gräser und Wiesen im öffentlichen Raum” an der TU Berlin, die ich am Wochenende besucht habe. Ihr seht, ich gehe das Gärtnern jetzt sogar wissenschaftlich an, allerdings ist die Kunde der Pflanzenverwendung ja auch zugänglicher als der Kram, mit dem ich mich während meines Maschinenbaustudiums herumgeschlagen habe.

Die Steppe interessiert die Landschaftsplaner derzeit so brennend, weil ihre Pflanzen robust und trockenheitsverträglich sind, so dass sie sich für Grünflächen in der Großstadt perfekt eignen - gerade in Hinblick auf den Klimawandel und die Dürreperioden, die uns in den nächsten Jahrzehnten bevorstehen. Pflanzen der osteuropäischen Steppe wie Adonisröschen, Küchenschelle, diverse Nelken und Iris sowie Gräser sind nicht nur pflegeleicht - und schonen damit die kommunalen Kassen - sondern auch schön.

Da allerdings beginnt das Problem der Frau Plenk: Nicht nur in Österreich zweifeln die Bürokraten in den Grünflächenämtern eben diese Schönheit der Steppenpflanzen an und setzen nach wie vor auf teure, durstige Sommerblumenbeete. Man musste nur den Tagungsort verlassen und auf den Ernst-Reuter-Platz hinaustreten, um zu sehen, wie recht die Dame hat: Rings um den Springbrunnen prangen quietschbunte Blütenteppiche, die bei mir Zahnweh auslösen, aber offenbar noch immer dem Massengeschmack entsprechen.

Zeit also für eine neue Ästhetik, wie sie der US-Landschaftsgärtner Rick Darke in einem furiosen Vortrag einforderte. Darke zeigte hinreißende Fotos amerikanischer Grünanlagen, die natürlichen Laubwäldern und Waldlichtungen nachempfunden, doch zugleich wirkliche Kunstwerke sind. Für mich waren das ganz neuartige Garteneindrücke, wie ich sie in Europa nie gesehen habe.

Die Hauptrolle in diesen Gärten spielten Gräser, oft großflächig gepflanzt als Alternative zum öden alten Rasen. Gut, beides sind Grasflächen, aber welch ein Unterschied besteht doch zwischen einem wogenden Meer aus strohgelben Halmen und einem kurzgeschorenen Golfrasen! Der gerät derzeit wegen seines hohen Wasserbedarfs in den USA in die Kritik, weil dort in vielen Regionen bereits Dürre herrscht.

Darke erzählte, er stamme aus einer Laubwaldregion und sei daher von klein auf an wechselnde Landschaftsbilder und die Schönheit des Vergehens gewöhnt. Wer so empfinde, der möge auch Gräser. Zu hoffen steht, dass auch die Öffentlichkeit hierzulande den subtilen Reiz der Prärie- und Steppenpflanzungen schätzen lernt. Denn der einhelligen Meinung der Tagungsteilnehmer zufolge hinkt Deutschland bei der zeitgemäßen und klimagerechten Pflanzenverwendung arg hinterher. Also Stiefmütterchen ade, her mit der Steppe!

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