Von Stern-Redakteuren, Selbstversorgern und Paprika-schoten

Als sich die Temperaturen in Berlin zwischenzeitlich dem Gefrierpunkt näherten, barg ich dann doch hektisch alles kälteempfindliche Gemüse. Die Ernte dieses Jahres kann sich sehen lassen, und meine Bedenken, mit Auberginen und Paprika peinliche Flops zu landen, haben sich als grundlos erwiesen: Die getopfte Paprika auf der Terrasse lieferte drei feuerwehrautorote, sehr schmackhafte Früchte. Und selbst die vier Pflanzen im Beet kamen noch zusammen auf sechs grüne Schoten von Supermarktformat.

Vom ersten und größten (über zwei Kilo!) Butternuss-Kürbis haben wir schon dreimal gegessen, und es ist immer noch ein Rest da. Die zwei weiteren, etwas kleineren liegen im Heizungskeller und reifen nach, zusammen mit den letzten Tomaten. Und die Ente der tischtennisballgroßen Auberginen fiel immerhin so groß aus, dass wir drei Mahlzeiten damit bestreiten konnten.

Selbstversorgung kann man das natürlich nicht nennen, nur Spaß an der Freud’. Womit wir bei der Gartengeschichte im vorletzten “Stern” wären, die den geneigten Leser informiert, wie er sich mit Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten selbst versorgen kann. Natürlich hat auch der “Stern” den Trend gewittert, den ja schon vor Wochen “Spiegel”, “Zeit” und viele andere abgehandelt haben: dass insbesondere die Wirtschaftskrise zur Neuentdeckung des Gärtnerns geführt habe.

Nun ja, Ihr kennt meine Meinung zum so genannten Trend (mein Lieblings-Bonmot von Wolf Schneider: zwei sind ein Trend, drei eine Massenbewegung…). Und dass die Krise alle zum Spaten greifen lässt, halte ich schlicht für ein Gerücht. Das ist allenfalls in den USA so, falls die dortige Presse nicht auch übertreibt, aber bei den Dauer-Niedrig-Discount-Preisen der deutschen Lebensmittelketten besteht nun wirklich kein gärtnerischer Handlungsbedarf.

Eine Salatgurke für 19 Cent, drei Paprikas in Ampelfarben für 79 Cent - welcher Gärtner kann schon zu diesen Preisen produzieren, wenn er alle Kosten für Saatgut, Anzuchterde, Töpfe, Geräte, Wasser und womöglich das beheizte Gewächshaus einkalkuliert? Vom Arbeitsaufwand ganz zu schweigen - es ist finanziell betrachtet garantiert lohnender, Putzen zu gehen, als in dieser Zeit Kartoffeln und Radieschen zu hegen.

Befremdlich also, dass der Artikel im “Stern” nur um den angeblichen Sparvorteil kreiste; von der Freude am Gärtnern, der Lust, jeden Tag etwas Neues zu entdecken, dem Entzücken der Kinder, wenn sie die Monatserdbeeren plündern, war in keinem Satz die Rede. Selbst der oft bessere Geschmack der knackfrischen Gartenware blieb unerwähnt, ebenso wie die ökologischen Vorteile. Im Gegenteil: Wer sich selbst versorgen wolle, so wurden wir belehrt, müsse “das Ökologische” lieber vergessen und zur Spritze greifen. Sonst stimmten die Erträge nicht.

Um Himmels willen, lieber Bert Gamerschlag: Für den Food-Redakteur des “Stern” ist das echt eine schwache Leistung! Aber vielleicht ist die ganze Story auch nicht ernst gemeint? Spätestens bei der apokalyptischen Vision vom Edeka, dem durch Stromverknappung die Tiefkühlware dahinschmilzt, komme ich ins Grübeln. Und wenn im Info-Kasten dem Gärtner geraten wird, er solle Pferdemist und Karpfenteichschlamm horten, ist die Sache klar: Achtung Satire!

Trend hin, Trend her: Für die Kollegen vom “Stern” bleiben Gärtner dann doch verschrobene Figuren. Aber ich persönlich bin sowieso lieber spleenig als hip. Und heute Abend gibt es Kürbis-Gnocchi.

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