Buntes Treiben

Als ich gestern den Briefkasten leeren wollte, fand ich auf der Schwelle ein sattgelbes, perfekt geformtes Ahornblatt. Es war, als habe es mir jemand als Gruß vor die Tür gelegt, der Herbst persönlich vielleicht.

Viele Menschen stimmt er ja depressiv, doch ich liebe diese Jahreszeit trotz Nieselregen, Dunkelheit und relativer Blütenarmut sehr. Denn was braucht es Blumen, wenn das Herbstlaub für einen Farbenrausch ohnegleichen sorgt? Zu keiner anderen Zeit trägt die Natur ihre Farben so großflächig, mit so expressiv-dickem Pinselstrich auf. Bei Indian Summer denkt man ja automatisch an Bäume, doch in meinem Garten, der in diesen Tagen genau drei Jahre alt wird, sind die Gehölze naturgemäß noch klein. Überhaupt dürfte in den wenigsten Stadtgärten Platz für einen ausgewachsenen Ahorn, einen Amberbaum oder gar eine Buche sein.

Macht aber nichts, denn auch viele Stauden sorgen im Herbst für bunte Blätter. Die halten sich sogar oft besser als das Laub in den Baumkronen, da sie nicht beim ersten Sturm davongefegt werden. Bei mir stechen jetzt vor allem die Funkien (Hosta) ins Auge mit ihrem leuchtend gelbbraunen Laub von seltsam glasiger Konsistenz. Besonders üppig wächst die Sorte “Guacamole”, deren Horste inzwischen jeweils einen knappen Quadratmeter füllen (wohin soll das führen?). “Guacamole” schmückt ihre Blätter sommers zwar nicht mit gelben oder weißen Mustern wie ihre extravaganteren Schwestern, sondern ist, wie ihr Name andeutet, gleichmäßig avocadogrün. Dafür duften ihre weißen Blüten sagenhaft – ich kann diese Pflanze nur empfehlen. Übrigens hat sich bei mir noch nie (!) eine Schnecke an den Funkien vergangen!

Mit prunkvoller Herbstfärbung glänzen derzeit ebenfalls die Taglilien (vor allem Hemerocallis citrina), der Wasserdost (Eupatorium “Riesenschirm) und die Amsonien. Auch die schon oft gelobten Baumarkt-Discount-Lillien beweisen einmal mehr, wie viel Gartenpracht mit etwas Glück für schlappe 99 Cent zu haben ist. Und erst die Rutenhirse (Panicum “Rehbraun”) im Vorgarten!

Ja, ja, ich gerate ins Schwärmen. Aber die Herbstfärbung der Stauden ist eben ein zu wenig beachteter Aspekt, der in Gartenbüchern und Katalogen nur lückenhaft Erwähnung findet. So bietet diese Jahreszeit Gelegenheit, scheinbar vertraute Pflanzen mit anderen Augen zu sehen – ein Grund mehr, nicht in herbstliche Schwermut zu verfallen!

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