Faux-pas im Staudenbeet
Welcher Gärtner träumt nicht von einer klassischen Staudenrabatte in raffinierten, fein abgestuften Farbkombinationen? Oder ganz in weiß wie Vita Sackville-Wests berühmte Kreation im Garten von
Sissinghurst? Tja, wenn das mal so einfach wäre. In der Praxis stößt man nämlich auf allerlei Hindernisse, an denen die wohldurchdachten Pflanzpläne scheitern.
Da ist zum einen das Klima, das im Sommer deutlich heißer und trockener ist als im Mutterland der Gartenkunst, Großbritannien. Während dort die Stauden bei kühl-feuchter Witterung ihre Blüten hinreichend lange erstrahlen lassen, welken sie bei uns viel schneller dahin. Die Folge: Sorgsam arrangierte Blumenpaare verpassen ihr Rendez-vous.
Aber da gibt es noch ein Problem, das jeder kennt, der seine Stauden nicht blühend im Gartencenter kauft (und sich mit dessen Standardsortiment zufriedengibt): Um die Sortenechtheit bei Pflanzenlieferungen ist es leider schlecht bestellt. So erblühte bei mir eine Christrose namens “Weiße Auslese”, erworben für das in gelb und weiß gehaltene Beet vor dem Esszimmerfenster, in tiefem Purpur, während die weiße (und ziemlich teure) Brunnera-Hybride “Betty Bowring” dieselben blauen Blüten trieb wie das in anderen Gartenteilen bereits freudig wuchernde gemeine Kaukasus-Vergissmeinnicht.
Die blaue Betty musste weichen, die Christrose blieb, da sie wunderbar mit dem roten Austrieb der Mandelwolfsmilch harmonierte und der sonst vielleicht etwas faden Pflanzung Pfiff gab. Aber nicht immer ist der Zufall der bessere Gärtner, wie sich in meinem Vorgarten beobachten lässt.
Dort wollte ich zunächst die violette Kissenaster “Prof. Kippenberg” mit Solidago “Fireworks” verpaaren, einer eleganteren Variante der Kanadischen Goldrute, deren Gelb im Spätsommer Bahngleise und Brachflächen im ganzen Land überzieht. Doch sollte die Akademiker-Aster das Feuerwerk nie zu sehen bekommen, da dieses im Oktober längst Vergangenheit war. Also suchte ich dem Professor eine neue Partnerin und erwarb zwei Chrysanthemen der Sorte “Herbstrubin”. Mir schwebte eine düster-melancholische Herbstpflanzung in weinrot und violett vor.
Die eine Staude blühte prompt im ersten Jahr; leider erschienen ihre spinnenförmigen Rubinblüten erst im Dezember, als die Aster nur noch weiße, puschelige Samenstände zu bieten hatte. Im winterlichen Gelbbraun wirkte die Chrysantheme mit ihrem makellos grünen Laub wie ein Alien.
Dieses Jahr setzte nun auch das andere Exemplar eine wahrhaft überwältigende Fülle von Knospen an und öffnete sie gerade noch rechtzeitig zur Asternblüte. Leider waren es keine rubinroten Spinnen. Sondern puppenrosa Margeritenblüten mit gelber Mitte, die meinem Herbstbeet nun eine unpassend heitere, ja frühlingshafte Note verleihen. Trotzdem werde ich es natürlich nicht fertigbringen, diese putzmuntere Pflanze im nächsten Frühjahr herauszureißen. Vielleicht sollte ich meine Pflanzpläne gleich einem Zufallsgenerator überlassen?