Meditation über den Kiesgarten

Das Ehepaar G. zwei Häuser weiter, beide erfolgreiche Juristen, hat weder Zeit noch Lust, sich mit seinem Garten zu befassen. Deshalb ließen sie ihre Parzelle im streng minimalistischen Stil begrünen: Rollrasen, Buchshecke und drei antennenartig deformierte Platanen, die einmal so eine Art Laube ergeben sollen. Leider haben die G.’s, jeglicher botanischer Kenntnisse unverdächtig, nicht geahnt, dass auch ein Rollrasen Pflege benötigt: Er will gemäht werden!

Also sieht (und hört) man Herrn G. im Sommer alle zwei Wochen samstags den Rasenmäher herumschieben, wobei ihm seine Gattin Gesellschaft leistet. Einmal hörte man sie stöhnen: “Hätten wir gewusst, wie viel Arbeit so ein Rasen macht, hätten wir einen japanischen Kiesgarten angelegt!”

Glück gehabt, Frau G.! Denn in diesem Fall hätten Sie sich eine viel schlimmere Plackerei aufgebürdet. Macht es Sie nicht stutzig, dass die echten Kiesgärten in Japan, Ryoan-ji und wie sie alle heißen, tagtäglich von kontemplativ dreinschauenden Zen-Möchen geharkt werden? Die jedes Blättchen aufheben, das auf ihren Kiesozeanen treibt?

Das ist nicht nur eine meditative Übung, sondern Notwendigkeit: Nichts sieht ungepflegter aus als eine Kiesfläche, auf der zwischen dem verrottenden Laub vom Vorjahr Gräser und feiste Löwenzahn-Rosetten sprießen. Das hatten auch die Landschaftsarchitekten nicht bedacht, die den Park vor unserer Haustür geplant haben. Sie ersannen ein graphisch reizvolles Patchwork aus mit Splitt bestreuten Flächen und Rasen. Leider wird es allmählich schwer zu erkennen, was was ist, da das Grün auf den Schotterflächen williger gedeiht als auf dem trotz Nachsaat noch immer schütteren Rasen. Mehr und mehr ähnelt die schöne repräsentative Grünanlage einer Industriebrache.

Nun hat das Grünflächenamt von Berlin-Mitte ohnehin zu wenig Leute, um die Parks im Bezirk einigermaßen in Schuss zu halten. Aber man bräuchte ganze Schwadronen, wollte man besagte Schotterflächen von Hand unkrautfrei halten. Sprich: Irgendwann werden sie mit der “Basta”-Giftspritze anrücken.

Im Hausgarten kann man den Unkrautwuchs zwar bremsen, indem man eine wurzelundurchlässige Folie unter den Kies legt. Aber merke: Pflanzen wachsen überall. In Mauerritzen, Kiesbeeten, sogar in unserem mit groben Flusskies gefüllten Kellerschacht. Da hat sich diesen Sommer ein Duftsteinrich (Lobularia maritima) eingenistet und durch das Gitter ans Tageslicht gezwängt. Dieser Lebenswille unscheinbarer Pflänzchen ringt mir immer wieder Bewunderung ab. Schon deshalb will ich keinen pflegeleichten Garten.

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