Ein Baum ist ein Baum ist ein Lolli

Es gibt ja Kinder, die können gut malen, und solche, die da nicht so begabt sind. Letztere zeichnen zum Beispiel einen Baum mit einem gleichmäßig dicken Stamm und kugelrunder Krone. Die anderen haben spätestens im Alter von fünf Jahren beobachtet, dass ein Baumstamm kein Rohr ist und eine Baumkrone selten ein Ball. Leider machen manche Menschen diesen Erkentnisfortschritt nie mit, und wenn sie dann alt genug sind, einem Landschaftsgärtner viel Geld hinterherzuwerfen, lassen sie sich Dauerlutscher vor die Tür setzen.

Ich rede von der grassierenden Marotte, statt anständiger Bäume mopartige Gebilde mit runder Krone zu pflanzen, und das paarweise, wenn nur irgend möglich. Allein von meinem Schreibtisch aus genieße ich den Blick auf fünf solche Trauergestalten in fünf Gärten (!). Bei vieren davon handelt es sich um Kugelahorne, die fünfte ist eine Kugelrobinie.

Straßenseitig kommen noch einmal zwei Kugelahorne hinzu; sie werden flankiert von einer Ehrenwache aus jeweils vier Kirschlorbeersträuchern und wurzeln in einem Bett aus grauem Kies. Damit Hunde die Anlage nicht für eine luxuriöse Toilette halten, ist sie mit einer knöchelhohen Buchshecke umsäumt, deren Büsche ständiger Erneuerung bedürfen. Vermutlich halten die Eigentümer “Buchs” für einen wetterfesten Kunststoff.

Und dann stehen da noch zwei Kugelbäume auf einer Dachterasse und beweisen, dass banale Architektur auch nicht besser wird, wenn man sie mit verunstalteten Pflanzen garniert. Leider haben ja Züchter Bäume hervorgebracht, die schon von Natur aus kugelig wachsen, um den Gartenbesitzern auch noch die Mühe mit der Heckenschere zu ersparen. Und so kugeln diese Gebilde nun durch zahllose Gärten, von Designern gern als “architektonische Pflanzen” gelobt, doch in Wahrheit nur traurige Karikaturen echter Bäume.

Das spürt man umso schmerzlicher, wenn man hin und wieder in einem Park einen dieser großen, alten, ausladenden Bäume antrifft – Bäume der Art, wie sie die zeichnerisch begabten Kinder malen. Der Ahorn in der Grünanlage vor unserem Haus ist so ein Baum; zum Glück hat er das Kettensägenmassaker der Berliner Verwaltung überlebt. Viel zu schnell sind gerade die Behörden bereit, alte Bäume zu opfern, wenn diese irgendeinem Planungsvorhaben im Weg stehen. Die vorgeschriebenen Ersatzpflanzungen werden dann oft vergessen oder finden weit weg am Stadtrand statt. Und selbst wenn die Bürokraten neue Bäume pflanzen lassen, so dauert es Jahrzehnte, bis sie den Verlust der Veteranen optisch und ökologisch wettmachen können.

Auch wenn es so altmodisch nach “Mein Freund, der Baum…” klingt: Wir sollten auf die Straßenbäume in der Stadt gut aufpassen – so wie die engagierten Kreuzberger Bürger, die unlängst eine Reihe alter Bäume am Landwehrkanal retteten. Sonst sehen wir bald nur noch Lollipops weit und breit.

Eine Antwort zu “Ein Baum ist ein Baum ist ein Lolli”

  1. jeep sagt:

    Hello!
    jeep ,

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