Die Farbe Gelb

In der letzten Zeit hatte ich das Vergnügen, für die Zeitschrift “Flora Garten” eine ganze Reihe Gärtnerinnen zu interviewen. Sie alle besitzen höchst geschmackvolle, der Öffentlichkeit zugängliche Gärten und verbringen viel Zeit mit der Komposition wunderschöner Pflanzungen. Was mich irritierte, war dieser Satz, der, in unterschiedlicher Formulierung, in diesen Gesprächen immer wieder fiel: “Gelb kann ich nicht ausstehen.” Entsprechend sind die allermeisten dieser Prachtgärten in dezentem weiß-rosa-violett-blau gehalten, mit dem gelegentlichen weinroten Akzent…

Dieselbe Beobachtung machte der britische Gartenautor Frank Ronan, der seine Kolumne in der aktuellen “Gardens Illustrated“ der rätselhaften Gelbphobie widmet. Kaum jemand trage gelbe Kleider oder fahre ein gelbes Auto, konstatiert Ronan, allerdings seien verrückte Zeitgenossen auffällig häufig in gelben Küchen anzutreffen. Und der geistig verwirrte Van Gogh habe ja auch eine starke Affinität zu gelben Sonnenblumen gehabt… Anspruchsvolle Gärtner hingegen “verachten gelb als aufdringlich und vulgär und dulden es nur, wenn es ins cremefarbene verblasst oder sich zu bronze verstärkt.”

Deshalb hier ein Plädoyer für die Farbe Gelb - und zwar das richtig echte, zitronige. Denn was wären diese Wochen (und mein Vorgarten) ohne quietschgelbe Osterglocken! Die knalligsten stammen übrigens vom Discounter (exakt, für 99 Cent); die allerschönsten, duftenden aber welkten in einem Topf vor sich hin, den ich vor zwei Jahren auf der Straße aufgelesen habe. Aber zurück zum Thema: Frühling ohne Kornelkirschen, Mahonien, Forsythien - undenkbar! Auch wenn diese Sträucher die restlichen 50 Wochen des Jahres nicht viel zu bieten haben…  Und erst die Winterlinge! Erfreulicherweise haben ein paar dieser Winzlinge die Attacke von welchem Untier auch immer überstanden und leuchten gerade signalgelb unter dem Holunder hervor.

Noch etwas spricht für gelb, auch wenn dies in meinem Stadtgarten nicht so zum Tragen kommt: Keine andere Farbe – weiß ausgenommen – integriert sich so vorzüglich in die Landschaft. Man denke nur an Wiesen voller Löwenzahn und Butterblume, an blühende Rapsfelder oder Waldränder, gesäumt von Huflattich und Scharbockskraut. Gelbe und weiße Blumen sind daher prädestiniert für den ländlichen, naturnahen Garten, der sich in die Umgebung einfügen, ja mit ihr verschmelzen soll. Und wer weiß, vielleicht kann ich diese Theorie ja irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft in der Praxis erproben… und dann werdet Ihr alle gelb vor Neid!

2 Antworten zu “Die Farbe Gelb”

  1. Zia sagt:

    Hmmm…. stimmt, wenn ichs mir recht überlege, kann ich gelb auch nicht jedezeit im Garten ertragen, - obwohl auf, Frühling und Herbst trifft das eigentlich nicht zu. Narzissen in gelb sind in meinem Garten gern gesehen, gerade habe ich Danford-Iris für mich entdeckt und Winterlinge und Scharbockskraut stehen auf der Wunschliste. Und was wäre der Herbstgarten ohne Sonnenblumen und Topinambur im Kontrast zu dunkelvioletten Malven? Überhaupt ein goldener Herbst ohne gelbe Blüten ist irgendwie undenkbar.
    Und der Sommer? Naja es gibt schon die ein oder andere gelbblühende Schönheit, die sich durchaus auch in ein edles Arrangement einpasst. Königskerzen z.B. und Nachtkerzen, - Alant möchte ich auch nicht mehr missen, Ringelblumen, Rainfarn und gelbe Schafgarbe…
    Aber es stimmt schon, das Gelb will im Sommergarten mit Fingerspitzengefühl eingesetzt werden, sonst wirkt es schnell plump.

    lg
    Zia

  2. Zentralgarten» Blogarchiv » Antidepressivum sagt:

    [...] innen heraus zu leuchten scheint. Einmal mehr kann ich nicht fassen, dass es Ästheten gibt, die Gelb nicht in ihrem Garten dulden. Denn ein besseres Antidepressivum gibt es [...]

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