Ein Hauch von Hysterie

Gut, dass ich derzeit kaum vom Schreibtisch wegkomme, sonst würde mich der ausbleibende Frühling schwer frustrieren. Immerhin konserviert das kühle Wetter die meisten Blüten: Wo die Camassias letztes Jahrbinnen Tagen verwelkt waren, zeigen sie nun schon eine ganze Weile ihre zartblauen Sternchenblüten, die gut mit den blassrosa, gefüllten Tulpen “Angélique” harmonieren. Auch sie und andere späte Tulpen bleiben taufrisch.

Verwelkt ist allerdings nun der letzte Strauß  ”Prinses Irene” auf meinem Schreibtisch, ebenfalls eine meiner Tulpen-Favoritinnen, Nicht nur, weil meine jüngere Tochter auch Irene heißt (allerdings keine Prinzessin, sondern eine Diktatorin ist), sondern auch wegen ihrer ungewöhnlichen Färbung: leuchtend orange und außen mit violetten Flammen überhaucht. Ein fantastischer Komplementär-kontrast. Im Garten kann ich die Prinzessin allerdings nirgendwo vernünftig kombinieren, deshalb pflanze ich sie als Schnittblume im Gemüsebeet - was für ein Luxus!

Zudem duftet diese Tulpe stark. Tulpenduft ist etwas ganz Besonderes und hat gar nichts blumig-süßliches an sich, sondern lässt mit seinen herben Noten eher an Holz oder Tabak denken.  Ich schätze diesen Duft umso mehr, als ich vor zwei Wochen ein ausgesprochen irriterendes Erlebnis hatte: Während einer Erkältung war mein Geruchssinn komplett verschwunden. Klar, dass man mit Schnupfen schlechter Gerüche wahrnimmt, ist nichts Besonderes. Aber dass man gar nichts mehr riecht?

Ich steckte meine Nase in den Vorratsbehälter der Kaffeemühle - nichts. Ich schnupperte am penetranten Apfelshampoo meiner Töchter - wieder nichts. Selbst als ich den Putzschrank öffnete, in dem Pinselreiniger und ähnlich üble Flüssigkeiten vor sich hin stinken, spürte ich nichts.

Ich recherchierte im Internet und fand heraus, dass der Geruchsverlust bei einer Virusinfektion der Atemwege nicht ungewöhnlich und meistens reversibel ist - aber manchmal auch dauerhaft. In dieser Nacht schlief ich ziemlich schlecht: Ein Gartensommer ohne Düfte? So schal wie eine Mahlzeit ohne Gewürze. Würde ich den Laubduft meines frisch gepflanzten Feigenbaums je wahrnehmen? Wenn ich aufwachte, stolperte ich ins Bad und schnupperte an Seife oder Zahnpasta, vergeblich.

Erst am nächsten Nachmittag, als ich Irenes Quengeln nachgab und die Weingummi-Tüte öffnete, stieg mir der synthetisch-fruchtige Geruch so plötzlich in die Nase, als sei es nie anders gewesen. So froh war ich noch nie über einen Aromastoff aus der Küche der Chemiekonzerne!

2 Antworten zu “Ein Hauch von Hysterie”

  1. Salaì sagt:

    Zentralgärtnerin, pflanzt Du eigentlich auch Blumen im Gemüsebeet?

  2. Salaì sagt:

    … äh, Gemüse im Blumenbeet, mein ich natürlich!

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