Sitzen unterm Hollerbusch…
Wer Kinder hat, kennt garantiert das weitgehend sinnfreie Liedchen mit dem “husch. husch, husch”-Refrain. Es handelt sich nicht unbedingt um einen Höhepunkt deutscher Sangeskultur, zeigt aber, wie sehr der
Holunder in der Volksseele verwurzelt ist. In manchen Gegenden glaubte man, der Hausgeist wohne im Holler, und es soll sogar üblich gewesen sein, den Hut zu lüften, wenn man an diesem Strauch vorüberging. Hausgeister sind nämlich launisch, und man sollte sie besser nicht ärgern.
Und nun ein Bekenntnis (nein, ich glaube nicht an Geister): Wenn ich in meinem Garten nur Platz für ein einziges Gehölz hätte, es wäre der Holunder. Ja, dieser ganz gewöhnliche Strauch, der an jeder Straßenecke steht und noch in der kleinsten Ritze wurzelt.
Ich bin eben kein Freund von “edlen Gehölzen”, wie Nachbar G. die (wenigen) Gewächse in seinem Garten zu nennen pflegt. Klar, so um diese Jahreszeit wünsche ich mir regelmäßig einen moorigen Park, um Rhododendron-Wälder pflanzen zu können, jedenfalls wenn ich gerade durch den Tiergarten radle. Ich bewundere auch hemmungslos die Magnolien im Botanischen Garten, kann mich von der duftenden Winterblüte (Chimonanthus) nicht losreißen und war in Cornwall völlig hingerissen von den baumhohen Kamelien. Aber in meinen Garten gehören solche Stars nicht.
Meine Philosophie ist, dass ein Garten in seine Umgebung passen sollte, und das ist hier, mitten in Berlin, nun mal die Stadtlandschaft mit ihren struppigen Parks, den Brachflächen, dem viel geschmähten Abstandsgrün. Und eben davon habe ich mir (ja, ehrlich!) einen Hauch in den Garten geholt: Felsenbirne, Wildrose, Schneeball statt Magnolien und Rhododendren. Und eben den Holunder.
All diese Gewächse sind ja nicht umsonst bei Grünflächenämtern so beliebt: Sie sind vital, robust und trotzdem ansprechend. Mein Holunder kam vor dreieinhalb Jahren als Containerpflanze der Größenklasse 60/80 Zentimeter zu mir und bestand aus drei peitschenartigen Trieben. Heute ist er mindestens vier Meter hoch, ebenso breit, und dominiert den ganzen Garten. Er blüht fantastisch, so reich, dass es mir leicht fällt, zwei Dutzend Dolden für Holundersirup abzuzwacken. Er duftet noch besser - auch wenn es Leute geben soll, die sein Aroma nicht ertragen können. Und im Herbst liefert er Früchte für Marmelade oder Fliederbeerensuppe - was will man mehr? Dass er als einheimischer Strauch und erstklassiges Vogelnährgehölz die volle Öko-Punktzahl mitbringt, versteht sich von selbst.
Nur in einem Punkt lässt Sambucus niger zu wünschen übrig: Statt sich in ein prächtiges Herbstkleid zu hüllen, fallen seine Blätter blässlich-grün zu Boden. Aber würde der Holler auch noch mit einem farbenprächtigen Finale aufwarten, wäre er womöglich ein edles Gehölz.
07. Juni 2010 um 19:16
@Zentralgärtnerin: Auch ich liebe den Holunder (lila und weiß), aber leider versagt er völlig in der Vase. Gelegentlich wollte ich mir die Pracht nach drinnen holen, aber obwohl ich einer alten Regel gefolgt bin und die Blätter entfernt habe, hängen die Dolden nach zwei Tagen. Nein, es ist nicht zu warm bei mir im Haus. Die Heizung ist aus! Dafür machen wir aus den Beeren im Herbst Saft und glauben mit “Holunder-Geist” unsere Erkältungen zu kurieren.
08. Juni 2010 um 07:14
Hallo Zentralgärtnerin, ich bin auch ganz verliebt in den Holunder, aber in meinem Minigarten habe ich mich für den Zierapfel entschieden, weil er schmaler bleibt. Seit ich letzte Woche das erste Mal Holundersirup gemacht habe, bin ich aber doch der Meinung, dass jeder Garten einen Holunder braucht. Soll ich doch die noch vom Vorbesitzer gepflanzte Hortensie opfern???
08. Juni 2010 um 08:17
Was für ein Lapsus! Blicke heute morgen in den Garten und sehe neben dem Holunder den lila Flieder stehen. Habe ich in einen Topf geworfen. Richtig also: Flieder macht sich in der Vase nicht gut. Holunder wandert in die Küche, soll auch ein Sektrezept geben, was bei mir aber verschütt gegangen ist.
08. Juni 2010 um 09:35
@Kirsten: Dein Lapsus ist mir nicht aufgefallen - bei Lila hatte ich an die rotblättrigen Holdundersorten gedacht.
09. Juni 2010 um 11:17
@ Elke: Na ja, das muss schon eine riesige Hortensie sein, wenn sie Platz für einen Holunder machen soll.
Die buntblättrigen Sorten sollen schwächer wachsen, aber ich bin da Puristin und finde rotes oder panaschiertes Laub nur selten wirklich schön. Außerdem blühen die rotblättrigen Arten rosa, und das kommt mir beim Holunder irgendwie verkehrt vor…
@ Kirsten: ist ja auch verwirrend - schließlich sagt man zu den Holunderfrüchten auch Fliederbeeren!
09. Juni 2010 um 21:14
Es gibt auch edlen Sambucus, liebe Zentralgarten.
Dieser wird gerne mit rotlaubigem, geschlitztblättrigem
Ahorn verwechselt.