Normandie 2: Jardin Plume
Kein Parkplatz, kein Vorgarten, nur ein Loch in der Hecke mit einem kleinen hölzernen Pfeil. Geradezu ein Stilbruch in der Normandie, dem Land der stolzen Herrenhäuser mit ihren alleengesäumten Zufahrten und
formalen Parterres. Tritt man durch die Öffnung, steht man zunächst in der Gärtnerei, wo Patrick Quibel Staudentöpfe wässert. Zusammen mit seiner Frau Sylvie hat er seit Ende der 90er Jahre eine typisch normannische Apfelplantage in jenen Garten verwandelt, der derzeit so viele Staudenfreaks elektrisiert und durch alle Magazine geistert: Jardin Plume, übersetzt “Feder-Garten”.
Und ich muss sagen: Zu Recht. Zwar stellte sich nicht sogleich Euphorie ein, dazu hatte ich schon zu viele Fotos gesehen. Immerhin nahm der Garten die erste Hürde locker: Er sieht wirklich so gut aus wie in den Magazinen. Und je länger ich umherwanderte, desto mehr erfasste mich die friedliche, zwanglose Stimmung, die aber immer wieder durch streng gestaltete Bereiche und geometrische Formen ausbalanciert wird.
Gräser und wiesenhafte Stauden sind die Spezialität der Quibels; leicht wie Federn sollen sie sich im Wind wiegen. Und das tun sie auch. Am allerfedrigsten (und dann doch überraschend) jener kleine Gartenteil, den
man wiederum durch einen Heckendurchlass vom farbenfrohen, geradezu anarchischen Potager aus betritt: eine Lichtung unter Bäumen, voller weißer, seidiger Samenstände des Weidenröschens (garantiert die Gartenformen “Album” oder “Stahl Rose”). Sie glitzerten im Nachmittagslicht wie gesponnenes Silber.
Ein Fest für die Augen auch der formale Gartenbereich direkt vor dem Haus mit seiner “heißen” rot-gelben Bepflanzung, die unbändig über die präzise geschnittenen Buchsbaumsäume quillt. “Formal” bedeutet hier nicht streng und auch nicht repräsentativ; es ist vielmehr eine zeitgemäße Interpretation dieses alten französischen Gartenstils – wunderschön, aber ebenso bescheiden und unaufdringlich wie der ganze Garten. Nichts will hier protzen, das würde auch gar nicht passen zu dem feinsinnigen Quibel.
Wichtiger als alle Formgehölze, Staudenpflanzungen und auch die alten Apfelbäume ist im Jardin Plume ohnehin der Himmel. Ich habe noch keinen Garten erlebt, der eine so wunderbare Bühne abgab für die Weite des Himmels und das Spiel der Wolken – bei meinem Besuch fedrige Schönwetterwolken. Ich hätte stundenlang in einem der ausgeblichenen Holzstühle im “verger”, dem Obstgarten, sitzen können und nur in den Himmel starren. Oder gleich den Rest des Urlaubs hier verbringen.